Hat Nikon uns die wichtigste Innovation des Z-Bajonetts nie verraten?
KI generiertes Bild - Kommunikation zwischen Body und Objektiv
Ich schaue mir sehr gerne Berichte verschiedener Youtuber an. Fast hätte ich jetzt von Fachleuten gesprochen, doch letztendlich sind es Fotografen, die sich intensiv mit der Technik auseinandersetzen. Matt Irwin ist ein Fotograf aus Sydney (Australien), berichtet gerne über neue Produkte und Firmware-Erweiterungen im NIKON Portfolio. Seine Fan-Gemeinde ist recht groß. Jeder der Content erstellt, hat Wegbegleiter, die den erstellten Content mögen oder auch nicht.
Doch vor einigen Tagen hatte Matt Irwin einen Fotografen und Software-Experte (Vijay Parikh) im Interview.
VJ hat sich ausgiebig mit Patentanmeldungen von Nikon beschäftigt. Matt und VJ haben die Erkenntnisse aus den Patenten in dem Interview offengelegt. Ich gehe einmal davon aus, dass Du Dich evtl. nicht in die Patente einlesen möchtest, daher habe ich mir erlaubt einmal eine Interpretation der beiden Youtube Videos zu erstellen.
Mehr als nur ein größerer Durchmesser
Als Nikon im Jahr 2018 das Z-Bajonett vorstellte, konzentrierte sich die gesamte Diskussion auf zwei technische Merkmale: den großen Innendurchmesser von 55 Millimetern und das kurze Auflagemaß von nur 16 Millimetern. Beides sind zweifellos wichtige Voraussetzungen für moderne Objektivkonstruktionen. Gerade lichtstarke Festbrennweiten wie das NIKKOR Z 50 mm f/1.2 S oder das 85 mm f/1.2 S zeigen eindrucksvoll, welches optische Potenzial in diesem Bajonett steckt.
Doch je länger ich mich mit den Aussagen von Matt Irwin und dem Softwareentwickler Vijay („VJ“) beschäftigt habe, desto mehr entstand bei mir ein anderer Eindruck. Vielleicht war der große Bajonettdurchmesser nie die eigentliche Revolution. Vielleicht ist er lediglich der sichtbare Teil eines deutlich größeren Gesamtkonzepts.
Die eigentliche Innovation könnte nämlich dort liegen, wo sie kaum jemand vermutet: in der Kommunikation zwischen Kamera und Objektiv.
Und genau darüber sprechen Matt Irwin und VJ in zwei ausgesprochen spannenden Videos. Während viele Gerüchte rund um neue Kameras oft auf Spekulationen basieren, stützen sich ihre Überlegungen auf veröffentlichte Nikon-Patente sowie auf Aussagen von Nikon-Ingenieuren. Das macht ihre Analyse besonders interessant. Gleichzeitig ist es wichtig, zwischen gesicherten Fakten und plausiblen Schlussfolgerungen zu unterscheiden. Genau das möchte ich in diesem Artikel tun.
Warum Kommunikation zwischen Kamera und Objektiv überhaupt so wichtig ist
Die meisten Fotografen denken beim Objektiv zuerst an Glas. Verständlich – schließlich entscheidet die optische Qualität maßgeblich über das Bild.
Tatsächlich steckt in modernen Objektiven jedoch erstaunlich viel Elektronik. Ein aktuelles Z-Objektiv besitzt eigene Mikrocontroller, Sensoren und mehrere Motoren. Der Autofokus wird längst nicht mehr einfach nur ein- oder ausgeschaltet. Stattdessen werden Fokusgruppen permanent bewegt, die Blende wird elektronisch gesteuert und bei VR-Objektiven arbeiten zusätzlich bewegliche Linsengruppen, die Verwacklungen ausgleichen.
Man könnte ein modernes Objektiv deshalb fast als kleinen Computer bezeichnen.
Und wie bei jedem Computersystem kommt es nicht nur darauf an, wie leistungsfähig die einzelnen Komponenten sind, sondern auch darauf, wie schnell sie miteinander kommunizieren können.
Genau hier beginnt die Geschichte des Z-Bajonetts.
Wie das F-Bajonett gearbeitet hat
Das F-Bajonett begleitete Nikon über ein halbes Jahrhundert. Es wurde ständig weiterentwickelt und war seiner Zeit oft voraus. Trotzdem stammt sein ursprüngliches Konzept aus einer Zeit, in der weder Autofokus noch Bildstabilisierung oder künstliche Intelligenz existierten.
Bei modernen AF-S- oder AF-P-Objektiven kommuniziert die Kamera bereits digital mit dem Objektiv. Das Prinzip ist dabei überraschend einfach:
Die Kamera stellt eine Frage.
Das Objektiv antwortet.
Danach folgt die nächste Frage.
Die Kamera möchte wissen, wo sich die Fokusgruppe gerade befindet?
→ Das Objektiv liefert die Information.
Die Kamera möchte die Blende verändern?
→ Das Objektiv erhält den Befehl und bestätigt anschließend den neuen Zustand.
Die Kamera möchte wissen, wie die Bildstabilisierung arbeitet?
→ Wieder erfolgt zunächst eine Anfrage.
In der Informatik bezeichnet man dieses Verfahren als Polling. Der Kommunikationspartner sendet Informationen nicht von sich aus, sondern wartet darauf, dass sie angefordert werden.
Für die Technik der 1990er-Jahre war dieses Verfahren völlig ausreichend. Doch moderne spiegellose Kameras arbeiten heute mit völlig anderen Anforderungen.
Warum Polling irgendwann zum Flaschenhals wird
Stellen wir uns vor, ich fotografiere einen Eisvogel im Sturzflug. Während einer einzigen Sekunde passieren unglaublich viele Dinge gleichzeitig:
der Autofokus verfolgt den Vogel,
die Motiverkennung berechnet ständig dessen Position,
die Kamera erkennt Auge und Kopf,
die Fokusgruppe im Objektiv bewegt sich permanent,
die Bildstabilisierung reagiert auf jede kleinste Bewegung meiner Hände,
gleichzeitig entstehen vielleicht 20 oder sogar 30 Bilder pro Sekunde.
Jede einzelne dieser Funktionen benötigt Informationen. Wenn die Kamera aber jede Information zunächst anfragen muss, entsteht zwangsläufig eine kleine Verzögerung. Diese Verzögerung ist winzig. Aber moderne Autofokus-Systeme arbeiten heute im Millisekundenbereich. Und genau dort summieren sich selbst kleinste Wartezeiten.
In der Regelungstechnik kennt man dieses Problem seit Jahrzehnten: Je häufiger ein System zunächst nachfragen muss, bevor es reagieren kann, desto träger wird der gesamte Regelkreis.
Nikon hat das Problem offenbar schon vor Jahren erkannt
Genau an diesem Punkt werden die veröffentlichten Nikon-Patente spannend. Denn dort taucht eine zusätzliche Datenleitung auf, die Nikon intern als „Hotline“ bezeichnet. Der Begriff klingt zunächst unspektakulär.
Technisch betrachtet beschreibt er jedoch etwas völlig anderes als die bisherige Kommunikation zwischen Kamera und Objektiv. Während die klassische Datenverbindung nach dem Frage-und-Antwort-Prinzip arbeitet, scheint diese neue Leitung dauerhaft Informationen vom Objektiv an die Kamera zu übertragen. Nicht erst auf Anfrage. Sondern permanent.
Man kann sich das ungefähr wie den Unterschied zwischen einem Telefonat und einem Livestream vorstellen. Beim Telefon fragt einer ständig nach:
„Wie ist dein aktueller Fokus?“
„Wie weit ist die Blende geöffnet?“
„Wo befindet sich gerade die VR-Gruppe?“
Beim Livestream dagegen laufen diese Informationen kontinuierlich. Die Kamera muss nichts mehr anfordern. Sie sieht jederzeit den aktuellen Zustand.
Und genau dieser Unterschied könnte deutlich größer sein, als es auf den ersten Blick aussieht.
Mehr Geschwindigkeit bedeutet nicht automatisch mehr Megahertz
In den Videos wird mehrfach erwähnt, dass die neue Leitung mit bis zu 20 MHz arbeiten soll, während der bisherige Kommunikationsbus bei maximal 8 MHz liegt. Diese Zahlen stimmen mit den Patentunterlagen überein und zeigen bereits einen deutlichen Geschwindigkeitsgewinn. Allerdings wäre es zu einfach, daraus nur den Schluss zu ziehen: 20 MHz sind zweieinhalbmal schneller als 8 MHz. So funktioniert digitale Kommunikation nämlich nicht. Der eigentliche Vorteil entsteht an einer ganz anderen Stelle. Beim bisherigen Verfahren wechseln sich Kamera und Objektiv ständig ab.
Die Kamera spricht.
Dann hört sie zu.
Dann spricht sie erneut.
Dann wartet sie wieder.
Jeder dieser Wechsel kostet Zeit. Bei der neuen Architektur entfällt dieser ständige Rollenwechsel weitgehend.
Das Objektiv liefert kontinuierlich seinen aktuellen Zustand – ähnlich wie ein Sensor, der permanent Messwerte überträgt. Die Kamera kann diese Daten jederzeit nutzen, ohne zuerst eine Anfrage stellen zu müssen. In der Informatik spricht man hier von einer Reduzierung der Kommunikationslatenz. Und genau diese Latenz ist häufig wichtiger als die reine Übertragungsgeschwindigkeit. Ein gutes Beispiel liefert das Internet.
Eine Glasfaserleitung mit hoher Bandbreite fühlt sich trotzdem langsam an, wenn jede Anfrage zunächst hundert Millisekunden unterwegs ist. Umgekehrt kann eine Verbindung mit geringerer Bandbreite subjektiv deutlich schneller wirken, wenn die Antwort nahezu verzögerungsfrei erfolgt.
Für einen Autofokus zählt genau diese Reaktionsgeschwindigkeit. Nicht die theoretische Maximalgeschwindigkeit auf dem Papier.
Was bedeutet das konkret für die Praxis?
Nehmen wir erneut unseren Eisvogel. Während er mit hoher Geschwindigkeit auf die Wasseroberfläche zufliegt, verändert sich seine Entfernung zur Kamera permanent. Bei einem klassischen Kommunikationssystem muss die Kamera ständig Informationen anfordern:
"Wo befindet sich die Fokusgruppe?"
"Wie schnell bewegt sich der Fokusmotor?"
"Wie weit ist die VR-Linsengruppe verschoben?"
Mit einer permanenten Telemetrie kennt die Kamera diese Werte bereits.
Sie muss nicht mehr fragen.
Sie kann unmittelbar reagieren.
Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied.
Im Bereich moderner Regelungssysteme kann genau dieser Unterschied jedoch darüber entscheiden, ob ein Fokuspunkt exakt auf dem Auge landet – oder wenige Zentimeter davor.
Die „Hotline“ – warum Nikon die Kommunikation völlig neu gedacht haben könnte
Der Begriff „Hotline“ klingt zunächst fast ein wenig unspektakulär. Tatsächlich beschreibt er aber eine völlig andere Art der Kommunikation zwischen Kamera und Objektiv. Um das zu verstehen, lohnt sich ein kleiner Vergleich.
Stell dir vor, du sitzt im Auto und möchtest wissen, wie schnell dein Motor gerade dreht. Die klassische Kommunikation funktioniert ungefähr so:
Du fragst den Beifahrer: "Wie hoch ist gerade die Drehzahl?"
Er schaut auf den Drehzahlmesser und antwortet. Zwei Sekunden später möchtest du den Wert erneut wissen.
Also fragst du wieder.
Und wieder.
Und wieder.
So ungefähr arbeitet das klassische Polling-System zwischen Kamera und Objektiv. Die Kamera stellt permanent Fragen. Das Objektiv beantwortet sie.
Die Hotline arbeitet völlig anders
Jetzt stellen wir uns dasselbe Auto noch einmal vor. Diesmal sitzt kein Beifahrer daneben. Stattdessen befindet sich direkt vor dir ein digitales Display. Dort werden alle Werte ständig aktualisiert. Du musst nichts mehr fragen.
Du siehst jederzeit sofort:
Motordrehzahl
Geschwindigkeit
Öltemperatur
Tankfüllstand
Genau das scheint Nikon mit der sogenannten Hotline umgesetzt zu haben. Das Objektiv sendet seinen internen Zustand permanent an die Kamera. Nicht nur den Fokus. Nicht nur die Blende. Sondern praktisch sämtliche relevanten Positionsdaten.
Dazu gehören beispielsweise:
Fokusgruppe
Bildstabilisierungsgruppe
Blendenposition
Motorstatus
Positionssensoren
weitere interne Telemetriedaten
Die Kamera besitzt diese Informationen dadurch praktisch permanent. Und genau das verändert den gesamten Regelkreis.
Warum Telemetrie schneller ist als Fragen
Der eigentliche Geschwindigkeitsgewinn entsteht nämlich nicht dadurch, dass die Daten schneller übertragen werden. Sondern dadurch, dass die Kamera gar nicht mehr warten muss. Wer schon einmal SPS-Steuerungen oder industrielle Automatisierung erlebt hat, kennt dieses Prinzip.
In modernen Produktionsanlagen wird möglichst wenig abgefragt. Stattdessen melden Sensoren ihre Zustände kontinuierlich. Nur so lassen sich schnelle Regelkreise realisieren.
Im Grunde verfolgt Nikon hier offenbar genau dieselbe Philosophie. Die Kamera weiß jederzeit, was das Objektiv gerade macht. Dadurch kann sie wesentlich früher reagieren.
Warum das für den Autofokus entscheidend sein kann
Jetzt kommen wir zu dem Punkt, der besonders für Wildlife-Fotografen interessant wird. Ein moderner Autofokus arbeitet längst nicht mehr nach dem Prinzip:
"Objekt erkannt – Fokus einstellen."
Tatsächlich laufen gleichzeitig unzählige Berechnungen.
Die Kamera bewertet ständig:
Wie schnell bewegt sich das Motiv?
Beschleunigt es?
Bremst es?
Bewegt es sich auf mich zu?
Entfernt es sich?
Ändert es plötzlich die Richtung?
Wohin wird es sich vermutlich als Nächstes bewegen?
Das ist im Grunde nichts anderes als ein permanenter Vorhersagealgorithmus. Je besser die Eingangsdaten sind, desto besser wird die Vorhersage. Und genau hier könnte die Hotline ihren größten Vorteil ausspielen.
Mehr Daten bedeuten bessere Vorhersagen
Ein Beispiel aus der Wildlife-Fotografie. Ein Seeadler fliegt direkt auf mich zu. Während einer einzigen Sekunde legt er mehrere Meter zurück. Zwischen zwei Bildern verändert sich seine Entfernung deutlich. Der Autofokus muss deshalb nicht nur wissen, wo sich der Vogel jetzt befindet.
Er muss berechnen, wo er sich befinden wird, wenn der Verschluss wenige Millisekunden später tatsächlich auslöst. Genau hier sprechen Matt Irwin und VJ von einer deutlich höheren Auflösung der Daten.
Ich finde den Begriff Auflösung in diesem Zusammenhang sogar sehr passend.
Nicht Auflösung im Sinne von Megapixeln. Sondern Auflösung der Informationen. Je häufiger die Kamera aktuelle Positionsdaten erhält, desto feiner kann sie Bewegungen erkennen.
Man könnte sagen: Die Kamera sieht die Bewegung nicht mehr in groben Stufen. Sondern nahezu kontinuierlich.
Ein schönes Beispiel aus der Audiotechnik
Im Video verwenden Matt und VJ einen Vergleich mit digitalem Audio. Diesen Gedanken möchte ich noch etwas weiterführen.
Wer Musik digitalisiert, kennt unterschiedliche Abtastraten:
44,1 kHz.
96 kHz.
192 kHz.
Je häufiger das Signal gemessen wird, desto genauer lässt sich der ursprüngliche Verlauf rekonstruieren. Natürlich arbeitet ein Autofokus völlig anders. Aber das Grundprinzip bleibt vergleichbar. Mehr Messpunkte bedeuten eine genauere Beschreibung einer Bewegung.
Und eine genauere Beschreibung ermöglicht präzisere Entscheidungen.
Warum das auch für den Bildstabilisator spannend ist
Besonders interessant finde ich den möglichen Einfluss auf den Bildstabilisator. Heute arbeiten Objektiv und Kamera bereits zusammen. Nikon nennt dieses Zusammenspiel Synchro VR. Objektiv und Sensor koordinieren ihre Bewegungen, um Verwacklungen möglichst effektiv auszugleichen. Je genauer beide Systeme voneinander wissen, was der jeweils andere gerade macht, desto harmonischer funktioniert diese Zusammenarbeit.
Hier geht es vermutlich weniger um eine zusätzliche Blendenstufe Stabilisierung. Viel wichtiger könnte die Qualität dieser Stabilisierung sein. Statt kleiner Korrekturen mit kurzen Verzögerungen könnten beide Systeme nahezu kontinuierlich zusammenarbeiten. Gerade bei langen Brennweiten wäre das enorm interessant.
Wer schon einmal mit einem 500mm- oder 600mm-Teleobjektiv gearbeitet hat, weiß, wie empfindlich kleinste Bewegungen werden. Bereits minimale Verzögerungen können sichtbar werden.
Warum Nikon möglicherweise schon an die nächste Kamerageneration gedacht hat
An dieser Stelle wird es besonders spannend. Denn Matt Irwin verweist auf Aussagen von Nikon-Ingenieuren, nach denen bestimmte Objektive bereits Funktionen besitzen sollen, die aktuelle Kameras noch gar nicht vollständig nutzen können. Das klingt zunächst überraschend. Ist aber keineswegs ungewöhnlich. In der Computertechnik passiert genau das regelmäßig.
Neue Prozessoren unterstützen Funktionen, die Betriebssysteme erst Jahre später verwenden. Grafikkarten besitzen oft Leistungsreserven, die erst spätere Spiele ausschöpfen.
Warum sollte Nikon also nicht genauso vorgehen?
Objektive werden häufig deutlich länger verkauft als Kameragehäuse. Ein hochwertiges Teleobjektiv bleibt problemlos zehn oder fünfzehn Jahre aktuell. Eine Kamera dagegen wird meist nach vier oder fünf Jahren ersetzt.
Es wäre also sogar logisch, Objektive bereits heute auf kommende Kameragenerationen vorzubereiten.
Der eigentliche Flaschenhals könnte gar nicht im Objektiv liegen
Hier kommt der EXPEED-Prozessor ins Spiel. Nach Ansicht von VJ befindet sich der Engpass heute möglicherweise gar nicht mehr im Objektiv. Sondern im Kameraprozessor. Diese Überlegung halte ich durchaus für plausibel.
Denn selbst wenn Objektiv und Bajonett deutlich mehr Daten liefern können, müssen diese Informationen auch verarbeitet werden. Und genau das kostet enorme Rechenleistung.
Besonders moderne Funktionen wie:
Motiverkennung
Bird Detection
Eye AF
Deep-Learning-Modelle
Pre-Capture
Serienbilder mit 30 Bildern pro Sekunde
Video mit hohen Frameraten
verschlingen heute bereits einen erheblichen Teil der verfügbaren Prozessorleistung.
Es wäre deshalb durchaus denkbar, dass Nikon einige Möglichkeiten der neuen Kommunikationsarchitektur bislang schlicht noch nicht vollständig ausschöpfen kann. Nicht weil das Bajonett dazu nicht in der Lage wäre. Sondern weil der Prozessor momentan noch an seine Grenzen stößt.
Was ist Fakt – und was ist Interpretation?
Bis hierher klingt vieles beinahe revolutionär. Eine neue Datenleitung zwischen Kamera und Objektiv, höhere Übertragungsraten, permanente Telemetrie und möglicherweise völlig neue Möglichkeiten für den Autofokus. Da stellt sich zwangsläufig die Frage:
Hat Nikon hier tatsächlich eine bahnbrechende Technologie entwickelt oder interpretieren Matt Irwin und VJ die vorhandenen Informationen vielleicht etwas zu optimistisch?
Ich glaube, die Antwort liegt – wie so oft – irgendwo dazwischen und genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf die einzelnen Aussagen.
Die Existenz der „Hotline“ ist kein Gerücht
Beginnen wir mit dem wichtigsten Punkt.
Die sogenannte „Hotline“ ist keine Erfindung der beiden. Sie stammt aus veröffentlichten Nikon-Patenten. Dort ist neben dem klassischen Kommunikationsbus eine zusätzliche Datenverbindung beschrieben, die genau diesen Namen trägt. Damit ist zunächst einmal lediglich belegt, dass Nikon eine solche Architektur entwickelt hat.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Ein Patent beschreibt zunächst eine technische Lösung. Es beweist nicht automatisch, dass diese Lösung bereits vollständig in jedem aktuellen Produkt eingesetzt wird. Große Technologieunternehmen melden jedes Jahr hunderte Patente an. Ein Teil davon landet später in Serienprodukten. Andere verschwinden wieder in der Schublade.
Die Hotline gehört allerdings zu den Patenten, bei denen es durchaus Hinweise gibt, dass Nikon sie bereits in der Z-Plattform berücksichtigt hat.
Patente erzählen selten die ganze Geschichte
Ein weiterer Punkt wird häufig übersehen. Patente verraten nicht, wie Nikon die Technik intern tatsächlich implementiert. Sie beschreiben lediglich das Grundprinzip. Gerade in der Elektronik gibt es häufig mehrere Möglichkeiten, dieselbe Aufgabe zu lösen.
Das bedeutet: Wir wissen zwar, dass Nikon diese Kommunikationsarchitektur vorgesehen hat.
Wir wissen aber nicht im Detail,
welche Daten tatsächlich übertragen werden,
mit welcher Frequenz sie übertragen werden,
wie groß die Datenpakete sind,
wie groß interne Puffer sind,
welche Prioritäten verschiedene Informationen besitzen.
Diese Details kennt derzeit vermutlich nur Nikon selbst. Deshalb sollte man bei allen Schlussfolgerungen vorsichtig bleiben.
Die diskutierten Frequenzen sind nur ein kleiner Teil der Wahrheit
In beiden Videos fällt immer wieder die Zahl von 20 MHz.
Das klingt zunächst beeindruckend. Viele Leser werden automatisch denken: "20 MHz – also zweieinhalbmal schneller als 8 MHz."
Ganz so einfach ist es leider nicht. Die reine Taktfrequenz sagt nämlich erstaunlich wenig über die tatsächliche Leistungsfähigkeit einer Schnittstelle aus.
Ein kleines Beispiel. Zwei Prozessoren können beide mit 4 GHz arbeiten. Trotzdem kann einer doppelt so schnell sein. Warum? Weil nicht nur der Takt zählt.
Entscheidend sind unter anderem:
wie viele Daten pro Takt übertragen werden,
wie effizient das Protokoll arbeitet,
wie groß interne Puffer sind,
wie hoch die Latenz ist,
wie viele Befehle gleichzeitig verarbeitet werden.
Genau dieselben Zusammenhänge gelten auch hier. Die 20 MHz sind deshalb eher ein Hinweis darauf, dass Nikon deutlich mehr Bandbreite vorgesehen hat. Wie groß der tatsächliche Leistungsgewinn ausfällt, hängt jedoch von vielen weiteren Faktoren ab.
Der eigentliche Vorteil könnte ganz woanders liegen
Persönlich halte ich einen anderen Aspekt sogar für wesentlich interessanter. Nicht die höhere Übertragungsrate. Sondern die permanente Telemetrie. Denn dadurch verändert sich der komplette Informationsfluss.
Während klassische Bussysteme nach dem Prinzip
Frage → Antwort → nächste Frage
arbeiten, liefert die Hotline ihre Informationen ständig. Das reduziert Wartezeiten. Und genau Wartezeiten sind in schnellen Regelkreisen häufig der größte Feind.
Wer beruflich mit Industrieelektronik arbeitet, kennt dieses Prinzip wahrscheinlich aus Feldbussystemen. Auch dort geht der Trend seit Jahren weg vom ständigen Abfragen einzelner Sensoren hin zu kontinuierlichen Datenströmen. Nicht weil dadurch zwangsläufig mehr Informationen entstehen. Sondern weil die Steuerung wesentlich schneller reagieren kann.
Warum Autofokus heute eigentlich ein Regelkreis ist
Viele Fotografen stellen sich Autofokus immer noch relativ einfach vor. Die Kamera erkennt das Motiv. Dann fährt der Motor die Linsen an die richtige Stelle. Fertig.
In Wirklichkeit passiert erheblich mehr. Ein moderner Autofokus besteht aus mehreren geschlossenen Regelkreisen. Der Sensor liefert Informationen. Die Kamera bewertet diese Informationen. Der Prozessor berechnet die nächste Bewegung. Der Fokusmotor bewegt die Linsengruppe.
Anschließend beginnt der gesamte Ablauf wieder von vorne.
Und zwar hunderte Male pro Sekunde. Je schneller dieser Regelkreis arbeitet, desto präziser wird der Autofokus. Genau deshalb könnte die Hotline einen wesentlich größeren Einfluss besitzen als beispielsweise zehn zusätzliche Serienbilder pro Sekunde.
Der EXPEED-Prozessor wird häufig unterschätzt
Ein Punkt aus dem Video hat mich besonders nachdenklich gemacht. VJ vertritt die These, dass Nikon heute weniger durch die Objektive als vielmehr durch den EXPEED-Prozessor begrenzt wird. Ich halte diese Überlegung durchaus für plausibel.
Schauen wir uns einmal an, was eine moderne Kamera gleichzeitig leisten muss. Während ich mit meiner Z9 einen fliegenden Seeadler fotografiere, muss sie gleichzeitig:
den Sensor auslesen,
die Belichtung berechnen,
das Motiv erkennen,
Kopf und Auge identifizieren,
Bewegungen vorhersagen,
den Autofokus steuern,
das Objektiv ansteuern,
den Bildstabilisator koordinieren,
RAW-Dateien komprimieren,
den Pufferspeicher verwalten,
den Sucher mit bis zu 120 Bildern pro Sekunde aktualisieren.
Das alles geschieht praktisch gleichzeitig.
Man vergisst leicht, dass eine moderne Kamera heute eher einem Hochleistungscomputer ähnelt als einer klassischen Kamera.
Warum Nikon vielleicht bewusst Reserven eingeplant hat
Dieser Gedanke führt mich zu einer Frage, die Matt Irwin ebenfalls anspricht. Warum sollte Nikon bereits 2018 eine Kommunikationsarchitektur entwickeln, die aktuelle Kameras möglicherweise noch gar nicht vollständig ausnutzen können?
Die Antwort könnte erstaunlich einfach sein. Weil Nikon nicht für die nächsten drei Jahre entwickelt. Sondern für die nächsten zwanzig. Genau das passt eigentlich hervorragend zur Unternehmensgeschichte. Das F-Bajonett wurde 1959 eingeführt. Und selbst mehr als sechs Jahrzehnte später konnte man noch moderne Objektive daran verwenden. Kaum ein anderer Hersteller hat eine Objektivplattform so lange gepflegt. Warum sollte Nikon beim Z-Bajonett plötzlich kurzfristig denken?
Vielleicht wurde das Bajonett tatsächlich von Anfang an so ausgelegt, dass zukünftige Kameragenerationen immer leistungsfähiger werden können, ohne dass Fotografen ihre Objektive austauschen müssen. Das wäre genau die Art von langfristigem Denken, die ich Nikon durchaus zutraue.
Ein Blick in die Zukunft – aber ohne Glaskugel
Natürlich ist es verlockend, jetzt bereits über eine mögliche Z9 II oder einen EXPEED-8-Prozessor zu spekulieren. Auch Matt Irwin und VJ tun das. Ich persönlich wäre damit etwas vorsichtiger. Denn eines darf man nicht vergessen: Ein schnellerer Datenbus allein macht noch keine bessere Kamera. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, alle Komponenten optimal aufeinander abzustimmen.
Sensor.
Prozessor.
Objektiv.
Autofokus.
Bildstabilisierung.
Software.
Künstliche Intelligenz.
Erst wenn all diese Systeme harmonisch zusammenarbeiten, entsteht am Ende eine Kamera, die sich tatsächlich schneller und präziser anfühlt. Und genau deshalb bin ich weniger von der Idee einer einzelnen „Hotline“ fasziniert als von der dahinterstehenden Philosophie.
Denn sie zeigt, dass Nikon offenbar schon beim Start des Z-Systems nicht nur an die Kameras von 2018 gedacht hat, sondern möglicherweise an die Möglichkeiten der kommenden Jahrzehnte.
Fazit: Vielleicht war das Z-Bajonett seiner Zeit einfach voraus
Als Nikon im Jahr 2018 das Z-Bajonett präsentierte, wurde vor allem über zwei Zahlen gesprochen: 55 Millimeter Innendurchmesser und 16 Millimeter Auflagemaß. Diese beiden Werte dominierten die gesamte Berichterstattung. Verständlich, denn sie ließen sich einfach erklären und boten sofort sichtbare Vorteile für die Objektiventwicklung.
Doch je intensiver ich mich mit den beiden Videos von Matt Irwin beschäftigt habe, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass wir Fotografen möglicherweise auf den falschen Teil des Systems geschaut haben. Vielleicht war der große Bajonettdurchmesser nie die eigentliche Revolution. Vielleicht war er lediglich die Voraussetzung für etwas viel Größeres.
Denn moderne Kameras werden längst nicht mehr ausschließlich über ihre Sensoren definiert. Heute entscheidet vielmehr die Fähigkeit, enorme Datenmengen in kürzester Zeit zu erfassen, zu verarbeiten und in sinnvolle Entscheidungen umzusetzen. Genau deshalb werden Prozessoren immer leistungsfähiger, Autofokus-Systeme intelligenter und Objektive zunehmend komplexer.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Idee einer zusätzlichen Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Kamera und Objektiv plötzlich erstaunlich logisch.
Warum Nikon möglicherweise langfristiger gedacht hat als viele angenommen haben
Wenn man auf Nikons Unternehmensgeschichte zurückblickt, erkennt man ein Muster. Nikon war selten der Hersteller, der jedes Jahr mit spektakulären Marketingversprechen Schlagzeilen gemacht hat. Stattdessen verfolgt das Unternehmen häufig eine langfristige Strategie.
Das beste Beispiel dafür ist das F-Bajonett.
Über sechs Jahrzehnte hinweg blieb es die Grundlage unzähliger Kameragenerationen. Natürlich wurde es immer wieder weiterentwickelt, doch das Grundkonzept blieb erhalten. Diese außergewöhnliche Kontinuität war einer der Gründe, warum so viele Fotografen Nikon über Jahrzehnte treu geblieben sind.
Warum sollte Nikon beim Z-System plötzlich anders denken?
Ich halte es durchaus für denkbar, dass Nikon das Bajonett von Anfang an so entwickelt hat, dass es nicht nur den Anforderungen des Jahres 2018 genügt, sondern auch den Kameras der kommenden zehn oder zwanzig Jahre. Das würde hervorragend zu der Philosophie passen, die Nikon seit vielen Jahrzehnten verfolgt.
Warum ich die Aussagen von Matt Irwin überwiegend für plausibel halte
Matt Irwin und VJ zeichnen in ihren Videos ein ausgesprochen optimistisches Bild der Zukunft des Z-Systems. Nicht jede ihrer Schlussfolgerungen lässt sich heute eindeutig belegen. Und genau das sagen die beiden selbst mehrfach. Die Existenz der sogenannten Hotline lässt sich durch Nikon-Patente nachvollziehen. Ebenso gibt es Aussagen von Nikon-Ingenieuren, dass aktuelle Objektive bereits über Reserven verfügen, die zukünftige Kameras besser ausschöpfen könnten. Das sind belastbare Hinweise.
Die eigentliche Frage lautet jedoch:
Wie groß wird der praktische Nutzen tatsächlich sein?
Darauf gibt es heute noch keine eindeutige Antwort. Hier beginnen zwangsläufig die Spekulationen. Ob zukünftige Kameras ihren Autofokus dadurch um zehn Prozent, zwanzig Prozent oder vielleicht sogar deutlich stärker verbessern können, weiß derzeit außerhalb von Nikon vermutlich niemand. Trotzdem halte ich die grundsätzliche Idee für technisch überzeugend.
Denn kontinuierliche Telemetrie, geringere Latenzen und leistungsfähigere Regelkreise gehören seit vielen Jahren zu den wichtigsten Entwicklungen in der Industrieautomation, Robotik und Fahrzeugtechnik. Warum sollte ausgerechnet eine moderne Systemkamera auf diese Prinzipien verzichten?
Was bedeutet das für uns Wildlife-Fotografen?
An dieser Stelle möchte ich den Blick bewusst weg von Patenten und Megahertz richten. Denn am Ende zählt nur eine einzige Frage:
Hilft mir diese Technik dabei, bessere Bilder aufzunehmen?
Gerade in der Wildlife-Fotografie könnte die Antwort tatsächlich Ja lauten. Denken wir an einen Eisvogel, der mit hoher Geschwindigkeit auf die Wasseroberfläche zufliegt. Oder an eine Schwalbe im Zickzackflug. Oder an einen Rotmilan, der plötzlich die Richtung ändert. In solchen Situationen arbeiten Kamera und Objektiv permanent an ihrer Leistungsgrenze. Jede Millisekunde zählt. Nicht weil der Autofokus grundsätzlich zu langsam wäre. Sondern weil sich das Motiv permanent verändert.
Wenn Kamera und Objektiv schneller miteinander kommunizieren können, entsteht nicht automatisch ein spektakulärer Geschwindigkeitsrekord. Viel interessanter ist etwas anderes: Die Kamera erhält ihre Informationen früher. Wer früher über Informationen verfügt, kann früher reagieren. Genau darin könnte der eigentliche Fortschritt liegen. Vielleicht erleben wir künftig keinen Autofokus, der sichtbar schneller wirkt.
Vielleicht erleben wir vielmehr einen Autofokus, der ruhiger arbeitet, weniger pumpt, Bewegungen besser vorhersieht und dadurch unauffällig präziser wird. Das wäre ein Fortschritt, den man nicht in einem Datenblatt findet, den man aber bei schwierigen Motiven sofort bemerkt.
Die spannendste Kamera ist manchmal die, die es noch gar nicht gibt
Während viele Gerüchte im Internet vor allem über höhere Serienbildraten, mehr Megapixel oder 8K-Video diskutieren, könnte sich die eigentliche Entwicklung an einer ganz anderen Stelle abspielen. Nicht auf dem Sensor. Nicht im Sucher. Sondern zwischen Kamera und Objektiv. Vielleicht erleben wir in den kommenden Jahren gar keine spektakuläre Revolution, sondern viele kleine Verbesserungen, die zusammengenommen einen deutlich größeren Unterschied machen. Ein Autofokus, der Bewegungen besser vorhersieht. Eine Bildstabilisierung, die noch harmonischer arbeitet. Objektive, deren Fokusmotoren präziser angesteuert werden. Und Kameras, die all diese Informationen nahezu verzögerungsfrei verarbeiten können.
Das sind keine Funktionen, die sich in großen Werbebroschüren besonders eindrucksvoll vermarkten lassen.
Für uns Fotografen könnten sie jedoch wesentlich wichtiger sein als die nächste Diskussion über fünf zusätzliche Megapixel.
Mein persönliches Fazit
Nach den beiden Videos von Matt Irwin sehe ich das Nikon Z-System mit etwas anderen Augen. Nicht, weil ich nun davon überzeugt bin, dass Nikon eine geheime Wundertechnik versteckt hat. Sondern weil mir bewusst geworden ist, wie viel Entwicklungsarbeit wahrscheinlich in Bereichen steckt, die wir als Fotografen normalerweise überhaupt nicht wahrnehmen.
Wir diskutieren häufig über Sensorgrößen, Objektivschärfe oder ISO-Werte. Dabei entscheidet oft etwas ganz anderes darüber, ob ein Bild gelingt:
Wie schnell können Kamera und Objektiv gemeinsam auf eine Situation reagieren?
Sollten sich die Überlegungen rund um die „Hotline“ tatsächlich bestätigen, dann könnte genau hier eine der größten Stärken des Z-Systems liegen. Nicht spektakulär. Nicht offensichtlich. Aber genau dort, wo moderne Kameratechnik heute den Unterschied macht.
Und vielleicht werden wir eines Tages feststellen, dass die eigentliche Revolution des Nikon Z-Bajonetts nie der große Durchmesser war – sondern die Kommunikation, die sich dahinter verborgen hat.

